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Foto: Spreewald Info

Spinte: Die Spinnstube im Spreewald

Jedes Jahr am 11. November beginnt im Spreewald die Spinte-Saison. In vielen Dörfern treffen sich alleinstehende Mädchen abends in den Spinnstuben, um in Handarbeit ihre Festtagstrachten zu reparieren oder neu anzufertigen. Während Handspindel und Spinnrad surren, tauschen sie Kniffe der Stickerei aus, plaudern und singen gemeinsam sorbische Kirchenlieder für Fastnacht und Ostern. An der Spitze jeder Gruppe steht die „kantorka“, die Spinnstubenälteste, die Lieder und Strophen einübt.

Junge Männer sind in dieser Zeit tabu – sie dürfen nur an wenigen Terminen zur Spinte hinzu­stoßen. Bis heute erhalten Traditionsvereine diesen Brauch: In liebevoll restaurierten Stuben versammeln sich oft verheiratete Frauen, um das Feuer der Spinte am Leben zu halten und junge Generationen in sorbisches Handwerk und Liedgut einzuführen.

Ursprung und Ablauf

Die Spinte beruht auf jahrhundertealten Bräuchen: Nach der Ernte und vor dem Winterbeginn lag die Arbeit am Spinnrad lange brach. Ab Andreastag (11. November) erwachte sie erneut, wenn Mädel aus verschiedenen Haushalten zusammenkamen. In schummrigem Kerzenschein spannten sie Flachs, woben Garn und nähten Spitzen für die reiche Trachtenpracht. Die Kantorka, meist eine erfahrene Spinnerin, wachte über Ordnung und Liedgut, vermittelte neue Strophen und wies in Sticktechniken ein. Männer blieben draußen, um die Konzentration nicht zu stören. Mit der Fastnacht endete die Spinte – dann wurde die Spinnstube gesäubert, Garnrollen verstaut und die Mädchen zogen frisch bestickt zur Fastnachts­feier.

Die Rolle der Kantorka

In jeder Spinnstube herrscht die Kantorka – Hüterin von Liedern, Sprüchen und Stickmustern. Sie wählt die Kirchen- und Fastnachtslieder aus, erklärt die Bedeutung von Motiv­folgen und führt die Gruppe im Gesang an.

Mädchen lernen bei ihr nicht nur, Tüllspitzen und Seidenbänder zu verarbeiten, sondern auch sorbische Kirchenlieder in ihrer alten Sprache zu singen. Oft ist sie zugleich Heirats- und Lebensberaterin, wenn junge Frauen Fragen zur Loipe (Heimweg) oder zum passenden Trachtenstück haben.

Mit einem wachsamen Auge bewahrt sie den Respekt vor Tradition und sorgt dafür, dass Spinte-Gastgeberinnen und –gäste den Ablauf ehren.

Moderne Pflege und Bedeutung

Heute beleben Traditions- und Heimatvereine die Spinte: In Lehde, Burg-Kauper und anderen Dörfern richten sie Spinnstubenabende ein, oft in Verbindung mit Kultur­führungen. Verheiratete Frauen aller Altersgruppen zeigen Interessierten Trachtenstickerei und organisieren Lieder­abende.

In manchen Orten sind Spinteabende Teil von Fastnachts-Workshops für Touristen: Gäste dürfen selbst zum Spinnrad greifen und sorbische Lieder lernen. Damit bleibt die Spinte lebendig, verbindet Generationen und baut eine Brücke zwischen Alltag und sorbischer Kultur im Spreewald.